Wenn wir nur alle wie Neuronen wären… Das Troubadix-Syndrom

Neuron auf dem Thron 😉

Der Narzissmus ist unter uns: die Lautsprecher haben übernommen. Laut, schnell und meinungsstark, Empörung wiegt schwerer als Argumente. Ein primitives Reiz-Reaktions-Schema hat übernommen. Es geht nur noch mit mit Superlativ oder mit „ich bin der festen Überzeugung….“ (Dr. Boerne meinte mal im Tatort. „Unverrückbare Überzeugungen haben nur schlechte Ärzte, Heilpraktiker, Taxifahrer und meine Schwester Hannelore“). Möglichst kurz, möglichst radikal. Es wird sofort gemeint und geurteilt statt gewusst und gedacht. Gegenargumente werden nicht zur Kenntnis genommen. Und just in diesem Moment kommt die Ostseezeitung mit ihrem OZ-Journal am Wochenende um die Ecke. Imre Grimm ist ein deutscher Journalist, Kolumnist und Autor. Von 1998 bis 2013 war er als Redakteur bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung tätig und leitete dort seit 2005 das Medienressort. Seit 2013 ist er beim RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) für die Medienberichterstattung der Tageszeitungen der Madsack Mediengruppe verantwortlich und arbeitet als Autor und Kolumnist.

Imre Grimm schreibt in der OZ (Sonntagsteil, 24./25.6.2017):

„Die Welt ist voll von Troubadixe. Von Menschen, deren Selbstbewusstsein unerschütterlich scheint, obwohl alle Fakten Anlass zur Zurückhaltung böten. Von Gernegroßen, die jeden Rückschlag nicht etzwa sich selbst ankreiden, sondern ihrer neidischen, ahnungslosen und undankbaren Umwelt. … Ihnen allen fehlt die Souveränität wirklich großer Menschen. … Millionen nehmen nur noch zur Kenntnis, was ihnen schmeichelt und ins Selbstbild passt“.

Und weiter unten im Text:

„Narzissmus ist eine Schutzblase der Seele. … Unentwegt spricht der Narzisst über sich selbst, blickt spöttisch auf Spötter, ist reizbar, nachtragend und kleinlich, wird eisig bei Witzen auf seine Kosten, fühlt sich von Natur aus im Recht und verpasst stets den Moment, in dem sein Eigenlob peinlich wird.“

Mein Gehirn hat mich sofort an einen (zu meiner Vison vom Menschen absolut kongruenten Vorstellung) Beitrag auf wikiversity.org erinnert. Der User Jeanpol postuliert:

  1. Neuronen sind offen und transparent
  2. Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig
  3. Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab
  4. Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort
  5. Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen, sie haben keine Angst, penetrant zu wirken
  6. Neuronen sind nicht beleidigt
  7. Neuronen machen keine Pause, sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist
  8. Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um
  9. Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung

 

Ein letztes Zitat von Christian Schüle:

„Das Kerngeschäft des Diskurses wäre Vermittlungsarbeit, aber die Komplexität einer Sachfrage lässt sich niemals auf eine Schlagzeile oder Phrase reduzieren. Diskurs heißt moderierter Streit der Argumente, heißt: Bereitschaft, sich auf das intellektuell andere, auf den weltanschaulich Andersplatzierten, auf das fremde Sachargument einzulassen. Das ist mühsam, erfordert Haltung, hohen Ton, langen Atem, nachhaltige Offenheit und die spielerische Lust an Gegensätzen und ihrer Versöhnung.“

Ich möchte sehr gerne ein Neuron sein.