Wischkompetenz? Eine Nachlese

Mein "Tablet" 1971

Mein „Tablet“ 1971

Ich war vergangene Woche (Do/Fr) in Oldenburg zur Tagung Mobiles.Lernen mit Tablets & Co. Beeindruckende Teilnehmerzahlen, fantastische Ideen mitgenommen, tolle Gespräche geführt, der unbedingte Wille einige Dinge sofort am lebenden Objekt auszuprobieren. Der positive Eindruck überwiegt bei weitem! Und doch bleibt ein fader Nachgeschmack. Ich begleite die technische Entwicklung direkt und parallel: durch die Schulen/Schüler/meine Hände sind in den vergangenen 30 Jahren folgende Dinge gelaufen:

OHPen (gerne auch Polylux genannt), Taschenrechner (mit und ohne Grafik), die ersten Homecomputer (KC 85/1-3, C64, C+4, Amiga), die ersten PCs (286, 386, 486,…), die CD-ROM Welle (Lernsoftware), der Encarta-Hype, BTX, der erste Internetzugang, die ersten Netzwerke an Schulen, die erste Homepage, Serverlandschaften (auch NOVELL! ich war dabei) Laptops, Netbooks, WLAN, fette PCs, Terminals, dicke Bildschirme, dünne Bildschirme, nun Smartphones und Tablets (was wird sich durchsetzen: OneToOne oder Kofferlösung?). Als (Achtung Phrase!) „early adopter“ ist man stets dabei.

Zu jeder Zeit ereilten uns die Mitteilungen und Jubelartikel über die Segnungen des individualisierten, professionalisierten Unterrichts im digitalen Klassenraum.

In mir wachsen Zweifel: die Entwicklung ist Technologie- statt Pädagogik-getrieben. Und noch nachdenkenswerter macht mich der verengte, eindimensionale Pseudo-Zugang zur Welt – ohne jede Lebenswirklichkeit. Wie sieht es mit der Motivation aus (extrinsisch/intrinsisch)? Werde die digitalen Medien zum Selbstzweck? Schlägt die Form den Inhalt? Wird die Qualität der Gedanken durch Tablets verbessert? Oder liegen wir in der Falle eines cleveren crossmedialen Content-Marketing?

Gerald Lembke:

Tests mit der sogenannten Eye-Tracking-Methode zeigen: Die Lesegeschwindigkeit von Buchstabe zu Buchstabe steigt am Bildschirm zwar nicht, wohl aber die Geschwindigkeit, in der ein kompletter Artikel „gelesen“ ist. Wir beobachten ein Scannen der Webseite – Überschrift und Bild werden noch wahrgenommen, der Konsum des kompletten Artikels geht dann entweder sehr schnell oder passiert gar nicht. Internetseiten zeigen nur einen Ausschnitt eines Textes, gescrollt wird, auch das zeigen Untersuchungen, in zwei Dritteln der Fälle gar nicht mehr. Die Folge: Artikel am Bildschirm werden meist nur teilweise gelesen oder überflogen.

Das gemeine Schülergehirn ist eine Großbaustelle. Die digitale Welt bietet unkontrolliert zu viele Ablenkungen. Aber: clever eingesetzt – ein Hauptgewinn (ich sag nur; „Explain Everything“).

Es bleiben derzeit mehr Fragen als Antworten…